Landgräber „Zum Alten Graf“, Rathausstraße 12
Alte Hausnummer.146

Ackerbürgerhaus, erbaut der Gerüstzimmerung nach im 18. Jh. Früher gab es eine große Waage für Fuhrwerke vor der Tür.

Mit der Übernahme durch Mark Brockschnieder und Bianka Wagner im Jahr 2009 als Betreiber der Gaststätte „Zum Alten Graf“ kam es zum großen Umbau und zur Restaurierung bzw. Renovierung des gesamten Gebäudes. Die Gaststätte wurde innerhalb von fünf Monaten entkernt und im „alten Stile“ wieder aufgebaut und eingerichtet. Am 4. September des gleichen Jahres feierten die neuen Betreiber mit zahlreichen Rietberger Bürgern ein rauschendes Fest zur Neueröffnung des „Alten Graf“.

Bis zu diesem großen Umbau gab es allerdings viele Veränderungen und spannende Geschichten rund um das Haus. Die Gaststätte „Zum Alten Graf“ blickt nämlich mittlerweile auf eine fast 200-jährige Gast- und Schenktradition mit vielen Veränderungen zurück. Zur Erklärung: Die Bezeichnung „Schenk“ stammt aus früherern Zeiten. Nicht jeder Gastwirtschaft war es erlaubt, Schnaps auszuschenken. Nur wer diese Vorzüge genießen konnte, durfte den Zusatz „Schenkwirtschaft“ tragen.

Ein Blick in die Geschichtsbücher gibt einen Einblick in die Historie des Hauses Rathausstraße 12, bzw. 146:

1720 ist ein Rotgerdt Bulte als Bewohner oder Eigentümer des Hauses erwähnt

1735 ist wieder ein Johann Hermann Bulten erwähnt

1770 gehört es den Erben von Hermann Bulten

1780 ist Johann Henrich Bulten Eigentümer

1790 ist ein Dietrich Hagedorn als Eigentümer vermerkt (Quelle i.F.: Herbort)

1820 gehört dieses Haus laut Urkataster dem Gastwirt und Handelsmann Theodor Hagedorn, der den Betrieb zusammen mit seiner Frau Josefine führte

Der Gastwirt Theodor Hagedorn hat das Haus mit Gasthof und Geschäft viele Jahre geführt. Nach seinem Tod ging der Gasthof an seine älteste Tochter Bernhardine (Dine), das älteste von 6 Kindern über. Sie heiratete den Bäcker Anton Diekotto, der mit ihr den Betrieb weiterführte. Für das Jahr 1836 sind Anton Diekotto und seine Frau Dine (geb. Hagedorn) als Betreiber des Gasthofes genannt.

Nach dem Tod von Anton Diekotto übernahm, wohl kurz nach 1840, der Bäcker und Gastwirt Wilhelm Landgräber aus Lippstadt die Gastwirtschaft, die hier mindestens ab 1800, wenn nicht noch weit früher, bestanden hat. Er hatte sich in seinen Betrieb und Besitz eingeheiratet, indem er die junge Witwe Berhnardine Diekotto zur Gemahlin genommen hatte.

Wilhelm Landgräber baute auch ein Fuhrgeschäft für Stroh und Heu auf. Er hatte 2 Pferde, 2 Kühe und 2 Schweine, betrieb also, was gar nicht so ungewöhnlich war, auch etwas Landwirtschaft. Landgräbers Scheune stand an der Pochenstraße.
Ständig bewohnte über die Familie hinaus mindestens ein Knecht und eine Magd sowie weitere Kostgänger das Haus, darunter manchmal bis zu drei auswärtige Schüler des Gymnasiums in der Klosterstraße. Im 19. Jahrhundert lebten stets rund 30 bis 50 Schüler aus benachbarten und entfernten Städten in Rietberg in Kost und Logie. Für viele Rietberger Hausbesitzer war das ein willkomenes Zubrot.

Im 19. Jahrhundert lebten in diesem Haus, Rathausstraße 12, zweitweise bis zu 15 Personen.
Von Agnes Landgräber, der Mutter des letzten Inhabers der Gaststätte, Ewald Landgräber, heißt es, sie habe in ihrer Jugend einmal in einem Theaterstück (einem Märchen), eine wunderschöne Gräfin gespielt. Auf diese Weise, so erzählt man sich, sei es zu dem Namen „Zum Alten Graf“ für diese Gaststätte gekommen.
Zu dieser Geschichte hat dann Max Osthus einen Karnevalsschlager mit dem Titel „Bei der schönen Gräfin“ gedichtet.

Rietberg im Jahre 2009